Posts Tagged ‘Musik’
Gute Reise (ohne Halt in Frankfurt Hbf) – Szenen einer Fahrt
Mittwoch, August 3rd, 2011
Bahnhof Konstanz, Sonntag morgen, kurz vor 10. Der InterCity nach Hannover Hbf steht wartend auf Gleis 1. Ich steige in den einzigen Fernverkehrszug, der in Konstanz am Tag hält, ein. Wagen 8. Direkt hinter der Türe – mein Platz. Außer mir sind noch drei weitere Passagiere da. Ein Schweizer Ehepaar und eine etwas ältere Frau aus Hessen. Als paranoider Zugfahrer war ich natürlich viel zu früh am Bahnhof. Aber meine Uhr könnte ja falsch gehen. Wer einmal auf den Türöffner gedrückt hat, nur um zu sehen, wie ihm sein Zug vor der Nase wegrauscht, kommt nie wieder kurz vor knapp an den Bahnhof. Mein Platz ist natürlich reserviert. So steht es zumindest auf meinem Ticket. Im Zug ist das jedoch nicht markiert. Nach einigen Minuten flammen grüne Buchstaben neben den Sitznummern auf – die Sitzplatzreservierungen. Und tatsächlich: „Konstanz – Hannover“ lässt sich neben meiner Sitznummer lesen, die ganze Strecke also. Daneben „Marburg – Kassel“, also bis Marburg eine Reihe für mich. Soll mir recht sein. Ich versuche, durch das Fenster auf den Bahnsteig zu sehen. Wenn mir das THW schon so großzügig einen Fensterplatz gönnt, könnte das Fenster doch wenigstens sauber sein. Eigentlich könnte auch der Zug sauber sein. Ich bekomme keins von beidem. Nunja.
6 nach 10: Fahrplanmäßig fährt der Zug ab. Nächster Halt: Radolfzell. Die beiden Plätze auf der andere Seite des Ganges sind von Radolfzell bis Donaueschingen reserviert. Welcher Verrückte fährt denn mit dem IC von Radolfzell nach Donaueschingen? Die Schwarzwaldbahn fährt dieselbe Strecke und lässt sich mit Baden-Württemberg Ticket fahren. Nicht mein Problem. Wir halten in Radolfzell – und fahren wieder ab. Die Sitze bleiben leer. Die Sache wird immer mysteriöser. Nächster Halt ist natürlich Singen. Hier steigt ein Typ ein und setzt sich auf einen der besagten Plätze. Möglich, dass er erst eine Station zu spät eingestiegen ist, aber dann wäre die andere Reservierung wohl für seinen Rucksack.
Irgendwo hinter Singen stehen wir plötzlich mitten in der Pampa. Ohne erkennbaren Grund. Zum Ersten von vielen vielen malen auf dieser Reise beginne ich daran zu zweifeln, dass ich in Hannover tatsächlich 25 Minuten zum umsteigen haben werde. Als es dann – ebenfalls ohne erkennbaren Grund – weitergeht, betrachte ich die Landschaft. Sollte unsere Gesellschaft jemals ins Mittelalter zurückfallen, baue ich mir auch ne Burg im Hegau. Die Zugbegleiterin checkt mein Ticket – alles in Ordnung. Sonst hätte ich der Bundesschule auch was gehustet.
Wir machen halt in Immendingen. Wieso dieser Zug überhaupt in Immendingen hält, ist mir ein Rätsel, andererseits aber auch wieder egal. Ich habe den Laptop aufgeklappt – schon eine ganze Weile – und schaue Futurama. Nun packe ich mir auch was zu Essen aus. Zugestiegen sind unter anderem eine Mutter und vier kleine Kinder. Scheinbar reist sie mit denen Allein. Eine Tatsache, die mich und die anderen Fahrgäste im Verlauf der Zugfahrt noch einiges an Nerven kosten wird. Zu diesem Zeitpunkt ist mir das aber noch nicht bewusst. Die Fahrt geht weiter. In Donaueschingen steigt eine Ordensschwester zu. Amüsanterweise findet sich Ihre Sitzplatzreservierung direkt neben einer jungen Frau, die offensichtlich die Altstimme von „Te Deum“ studiert. Die Fahrt geht weiter durch den Schwarzwald, zunächst durch Villingen, dann nach St. Georgen („Mama, sind wir jetzt im Tunnel?“ – „Nein, das ist ein Bahnhof“). Jetzt kenne ich jedenfalls den Bahnhof des Geburtsorts meines Urgroßvaters. In Triberg steigen Schalkefans zu. Ich vermute mal, dass die noch nen weiten Weg vor sich haben – andererseits habe ich nicht die leiseste Ahnung, wo Schalke an diesem Tag spielt. Inzwischen habe ich den Laptop weggepackt und dröhne meine Ohren mit Musik aus dem iPod voll.
Baden: Jetzt mit 100% mehr Baden.
Weiter geht’s nach Karlsruhe. „Sind wir in Erfurt?“ fragt der Kleine seine Mutter. Die Antwort fällt knapp aus: „Nein“. „Sieht aber aus wie Erfurt“. Tja. Schöne neue Regionalzüge sieht man auch. Schade, dass die nie auf den Strecken fahren, auf denen ich unterwegs bin. Auf dem Gleis daneben macht sich die Schwarzwaldbahn bereit für die Fahrt nach Kreuzlingen. Für mich geht’s aber nicht zurück, sondern weiter. Bruchsal ist der nächste Bahnhof. Für Feuerwehrlehrgänge wäre ich hier richtig. Aber als THW-Helfer hab ich noch einige Stunden Reise vor mir. Dann einige Bahnhöfe, von denen ich noch nie gehört habe. In Bensheim (jetzt sind wir schon in Hessen) steigt eine ältere Dame ein, die mich fragt, ob der Platz neben mir noch frei ist. Ich erkläre ihr, dass er ab Marburg besetzt ist. Da sie nicht vor hat, so weit zu fahren, setzt sie sich. Ich bin noch mit meinem Laptop beschäftigt. In Darmstadt gibt es dann auf einem Plakat “Grüße aus Bad Fucking”. Das amüsiert mich dann doch etwas. Irgendwo nach Gießen nehme ich die Ohrstöpsel raus, nur um festzustellen, dass die Kinder nicht nur rumrennen im Zug, sondern auch unerträglich laut sind. Ähnliches denkt sich – wie ich später erfahre – der THW-Helfer zwei Reihen vor mir (Lehrgang Deichverteidigung). Dass der bei der Anstalt ist, erfahre ich allerdings erst an der Schule. Die Dame neben mir ärgert sich über die Erziehungsmethoden der sichtlich überforderten Mutter und erklärt mir, dass man doch den Kindern Spielzeug mitnehmen muss auf dieser Fahrt. Gebe ihr Recht und verabreiche mir wieder Musik.
„Sehr geehrte Damen und Herren, bitte beachten Sie, dass dieser Zug heute nicht in Frankfurt Hauptbahnhof, sondern in Frankfurt Süd hält“ aha.
Nach einiger Zeit äußert sich die Dame verwundert darüber, dass wir durch Hanau fahren. Sie fährt diesen IC öfters und versichert mir, dass man normalerweise anders fahre. Das habe wohl damit zu tun, dass wir ja in Frankfurt Süd gehalten haben. Pflichte Ihr bei und äußere Besorgnis über meine Ankunftszeit in Hannover. Zwar fährt sicherlich nach meinem Anschlusszug nochmal ein Zug nach Eystrup, aber leider habe ich vergessen, die Nummer der Bundesschule zu notieren, so dass ich denen nicht Bescheid geben könnte, wenn ich später käme. Unterhalte mich noch eine Weile mit der Dame, erkläre ihr, was es mit dem THW auf sich hat, leiste etwas Öffentlichkeitsarbeit. In Gießen verabschiede ich mich von Ihr, Sie wechselt hier den Zug. Ein weiterer Fahrgast kann mich darüber aufklären, dass wir aufgrund der Umleitung ca. 5 Minuten Verspätung haben. Das wäre ja nicht so wild.
Bis Marburg bin ich nun wieder alleine in meinem Sitz. Dort steigt eine Frau zu. Ich kümmere mich nicht weiter drum, da ich inzwischen wieder meinem iPod lausche. Irgendwann beschließe ich mal, die Ohrstöpsel rauszunehmen, entscheide mich aber bald wieder um, als ich immernoch Kindergeschrei und eine weitere ältere Dame, die nicht mit den Erziehungsmethoden der nun nicht nur überforderten, sondern völlig fertigen Mutter einverstanden ist. Der Zugbegleiter möchte das Ticket meiner Nebensitzerin sehen. Sie fragt ihn besorgt, ob es noch möglich ist, dass sie ihren Anschlusszug in Kassel noch bekommt. Er antwortet ihr, dass er optimistisch sei. Sie sagt, dass sie sonst ja nur mit Bummelzügen weiter könne. Er informiert sie darüber, dass sie im Falle einer Verspätung mit dem ICE nach Fulda fahren könne und sodann mit dem IC weiter nach Erfurt fahren könne. Er werde etwas durchgeben, sobald er etwas wüsste. Kurz darauf folgt dann auch die Durchsage, der IC nach Dresden könne aufgrund unserer mittlerweile 15 minütigen Verspätung nicht auf uns warten mit dem Hinweis auf eben genannte Ausweichmöglichkeit. Ein Hoch auf die Deutsche Bahn. In Kassel verlässt außer meiner Nebensitzerin auch nun endlich die nervige Familie den Zug, so dass ich beschließe, eine Weile ohne Musik weiter zu fahren.
Die Fahrt führt mich weiter nach Göttingen, wo wir erfahren, dass wir vermutlich mit 5 Minuten Verspätung am nächsten Halt – der Endstation Hannover Hbf – ankommen würden. Als der Zug dann nach einiger Zeit langsamer wird, ca. 3 Minuten vor der fahrplanmäßigen Ankunft, stehen die meisten Fahrgäste auf und nehmen ihr Gepäck. 3 Minuten vergehen, 5 Minuten vergehen. Noch immer ist der Zug langsam. Nach einigen weiteren Minuten informiert eine Lautsprecherdurchsage darüber, dass eine Signalstörung vorliegt und wir nun 10 bis 12 Minuten Verspätung hätten. Wenig Amusement ruft das bei dem kleinen englischen Jungen hervor, der seit 12 Minuten neben mir steht und auf den Bahnhof wartet. Schließlich fahren wir mit 15 Minuten Verspätung in den Hannoveraner Hauptbahnhof ein. Genug Zeit also für mich in den Regionalzug Richtung Bremen zu wechseln, der mich nach Eystrup bringen soll. Ich halte Ausschau nach blauen Uniformen, kann aber niemanden sehen und begebe mich in den Zug. Als der dann losfährt kommt auch recht bald eine Fahrkartenkontrolle. Der Kollege hinter mir fuchtelt, wie auch ich, mit einem DIN A4 – Onlineticket rum. Offensichtlich auch ein THW-Helfer. Und richtig, als wir nach einer Stunde den Bahnhof in Eystrup erreichen steht auch er auf. Als sich die Türen des Zugs öffnen endet meine 8-stündige Zugfahrt und mein Ziel ist fast erreicht. Es ist nun 19.03 Uhr.